Fremdschämen für Karl Theodor zu Guttenberg

Es ist dramatisch zuzusehen, wie ein Mann sich selbst demontiert, den man sehr geschätzt hat. Wenn es um die «eigene Wurst» geht, dann zeigt sich wahre Grösse. Und wenn es heikel wird, dann ist man auf Freunde angewiesen, die einem ihre Meinung offen sagen. Beides scheint Karl Theodor zu Guttenberg leider nicht zu haben.

Personen in Führungspositionen haben häufig das Gefühl, sie verlieren an Autorität, wenn sie Fehler offen und ungeschönt eingestehen. Und erst dadurch veranstalten sie ein Theater, das ihre Autorität nachhaltig untergräbt.

Die erste und einzig richtige Chance vollkommen verfehlt

In vollem Wissen um das Ausmass der Plagiate hätte Guttenberg sich bei der ersten Stellungnahme wahrscheinlich nicht so kämpferisch gegeben. Er hätte nicht die Aussage getroffen, dass «allerdings zu keinem Zeitpunkt bewusst getäuscht oder bewusst die Urheberschaft nicht kenntlich gemacht» wurde. Er hätte auch nicht nur «vorübergehend, ich betone vorübergehend, auf das Führen des Titels» verzichtet. (Ganze Stellungnahme im Wortlaut.)

Analyse lässt nur einen Schluss zu

Wenn die gesamte Doktorarbeit zu grossen Teilen eine Aneinanderreihung von unzitierten Abschriften ist und Guttenberg eine derartige erste Stellungnahme abgibt, erlaubt dies nur einen Schluss: Die Arbeit wurde von jemandem anderen, dem er vertraute und/oder viel Geld zahlte, geschrieben. Er war sich selbst des Ausmasses der Plagiate nicht bewusst. Und dieser andere getraute sich nicht, bei der ersten Rückfrage Guttenberg die volle Wahrheit zu eröffnen.

Und die Verwendung von unveröffentlichten Unterlagen des parlamentarischen Dienstes führt zu dem Schluss, dass sich der Schreiber im Team von Guttenberg befindet oder befand. Sonst hätte der Schreiber nicht auf diese Quellen zugreifen können, ohne dass Guttenberg davon bewusst Notiz genommen hätte.

Guttenberg hat wahrscheinlich die Doktorarbeit vorab besprochen und wahrscheinlich auch teilweise redigiert. Nur dass er nicht wusste, dass er vor allem Plagiate redigierte und stilistisch verbesserte.

Auch die zweite (und letzte?) Chance vollkommen verpasst

Der zweite Auftritt, als er sich eigentlich des Ausmasses der Plagiate bewusst sein musste, verkommt zur Farce. (Video der zentralen Botschaft  und Abschrift der gesamten Rede.)

«Und nach dieser Beschäftigung, meine Damen und Herren, habe ich auch festgestellt, wie richtig es war, dass ich am Freitag gesagt habe, dass ich den Doktortitel nicht führen werde.» Dass es zuerst nur vorübergehend war, geht in seinem Lob des betont «richtigen» Entschlusses unter.

«Ich sage das ganz bewusst, weil ich am Wochenende – auch, nachdem ich diese Arbeit mir intensiv noch einmal angesehen habe – feststellen musste, dass ich gravierende Fehler gemacht habe; gravierende Fehler, die den wissenschaftlichen Kodex, den man so ansetzt, nicht erfüllen.» Am Wochenende hat er sich mit dem Ausmass auseinandergesetzt und hat dann erst festgestellt, dass er gravierende Fehler gemacht hat? Wenn er die Arbeit wirklich selbst geschrieben hat, dann wusste er es schon davor und das müsste er auch so seinem Publikum mitteilen – siehe erste Stellungnahme. Wenn er sie nicht selbst geschrieben hat, und davon muss man nach seinen eigenen Aussagen ausgehen, dann ist es die falsche Strategie für einen Guttenberg, nur das Minimale zuzugeben, das nicht mehr zu leugnen ist. Und dann noch zu verniedlichen: «wissenschaftlichen Kodex, den man so ansetzt». Sonst spricht er sehr vornehm und klar, dies kommt fast schon umgangssprachlich. Auch die Seitenhiebe auf die Hauptstadtpresse, die ihn sonst so hochgejubelt hat, sind unnötig und erinnern eher an ein gekränktes Ego als an ein Schuldbewusstsein.

Die einzige Strategie wäre gewesen (ist?)

Guttenberg hätte sofort mitteilen müssen, dass er die Arbeit nicht selbst geschrieben hat. Er hätte sich erklären können: zunehmende politische Aufgaben, das Erbe seiner Familie, die eigene junge Familie, grosser selbst auferlegter Druck, Schreibblockade etc. Dass er die falsche Entscheidung getroffen hat, die Arbeit durch einen anderen anzufertigen lassen, weil er nicht als Versager dastehen wollte. Und dass er damit seine Familie, die Öffentlichkeit, die Universität, die wissenschaftliche Gemeinschaft und seinen Doktorvater getäuscht hat. Dass er dies zutiefst bedauert – insbesondere weil es unnötig war, er es aber nun nicht mehr rückgängig machen kann. Dass er aus diesem Grund seinen Doktortitel und alle anderen akademischen Grade zurückgibt und der Regierung seinen Rücktritt anbietet – aber auch seine Weiterarbeit, wenn diese gewünscht sei.

Es wäre ein Aufschrei durch die Menge seiner treuen Anhänger und Fans gegangen, dass er sich nun wohl zu hart bestrafe, dass er eine gute Arbeit als Verteidigungsminister mache und dass man ihm diesen Fehler verzeiht.

Die Regierung hätte sich hinter ihn gestellt und er hätte seine Arbeit fortführen können. Sein Image wäre wohl angeknackst gewesen aber mittelfristig hätte er wahrscheinlich sogar an Statur gewonnen.

Eine so jämmerliche Vorstellung wie die der letzten Tage und der Versuch, sich möglichst aus der Affäre herauszuwinden, steht einem Guttenberg nicht an – und ramponiert das Vertrauen seiner Anhänger nachhaltig.

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One comment

  1. Joschi · February 22, 2011

    Exakt so sehe ich das auch. Er hätte sofort alles zugeben müssen, vor allem den Ghostwriter.

    Jetzt hat man den eindruck, dass er eben genau wie viele andere Politiker nur das scheibchenweise zugibt, was man ihm sowieso nachweisen kann, und man hält ihn nicht mehr für ehrlich.

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